Ein sehr, sehr cooles Projekt vom Thomas, womit man einen Audio-Beitrag über das Handy aufnehmen und es bei cellcast für alle zum Anhören bereitstellen kann. Ich bin auf jeden Fall ab heute Cellcasterin
!
@Thomas: Well done
!
»Viele Menschen sind zu gut erzogen um mit vollem Mund zu sprechen; aber sie haben keine Bedenken, dies mit leerem Kopf zu tun.«
-Orson Welles-
Auf der Einladung stand 19.30 Uhr. Karl war aufgeregt, ein Gefühl zwischen Freude und Angst. Er duschte ausgiebig und überlegte, was er anziehen sollte. Die Haare blieben zunächst unbehandelt, damit seine Frisur nicht ruiniert würde, wenn er die Hemden durchprobierte. Die gebügelte, schwarze Jeans hatte er bereits vor Stunden auf seinem Bett bereitgelegt. Obwohl er nicht auf die Idee kam, dass es ernst werden könnte, zog er seine FC Bayern-Shorts an. Das erste Hemd schied aus: Hawaii-Stil. Er entschied sich für das schlichte, hellblaue Hemd mit den weißen Seitenstreifen. »Mann, siehst Du gut aus«, dachte er ehe er im Badezimmer verschwand, um seine Haare in Form zu bringen. Was ihm an Charisma fehlte, machte er durch eine vermeintlich perfekt gelegte Frisur wett. Berge von Schaumfestiger, Gel für die Spitzen und anschließend mit Haarspray den nervigen Wirbel an der Stirn entschärft – perfekt!
Karl betrat den Fetenraum. AC/DC tönen aus den von den Eltern entliehenen Boxen. Hinten rechts in der Ecke stand eine Gruppe Mädchen. Sie kicherten, hatten Spaß.
Links war die Theke; hinter ihr drei Schulkollegen in T-Shirs verschiedener bekannter Metal-Bands. Davor standen zwei Langweiler mit Hemd in der Hose (Karl hatte es dynamisch über der Hose hängen, obwohl es viel zu lang war). Mehr waren nicht da. »Mist, wo bleiben die anderen?« dachte Karl besorgt. Er wusste nicht wohin. Zu den Mädchen? Hör’ bloß auf! Zu den Langweilern? Nee, dann ist man bei den Metallern unten durch. Und die Bedienenden waren eindeutig zu cool für Karl. »Scheiße«, dachte er und wäre am liebsten rückwärts wieder aus der Tür raus. Doch was macht man, wenn man keinen Gesprächspartner auf Feten hat? Genau, Zigarette an! So war man wenigstens beschäftigt und vor allem: Man sah nicht so allein aus. Karl summte Lieder mit, obwohl er keins richtig kannte. Höchstens beim Refrain traute er sich mal mehr und schrie förmlich: »Highway to hell!«
Er positionierte sich links neben der Tür an einem einsamen Stehtisch und wippte verhalten mit dem Kopf. Das Glas mit Salzstangen vor ihm war nach wenigen Minuten leer. Niemand beachtete ihn, doch das war er gewohnt. Er ging zur Theke und bestellte ein Bier. Er hasste Bier. Es war so bitter. Aber alle tranken Bier; nur als Mädchen durfte man sich vielleicht noch Alster erlauben.
Nach einer halben Stunde war der Raum noch immer nicht voll. Keiner seiner Freunde hatte sich blicken lassen. Karl war enttäuscht. Dazu kam das Gefühl, dass die Mädchen, mittlerweile in der Sitzecke verkrochen, über ihn lachten. Was war er für eine jämmerliche Figur heute Abend… Allein an einem Stehtisch, ein Bier umklammernd, das Salzstangenglas ganz und die Zigarettenschachtel schon halb leer. Seine Haare schienen ihm plötzlich auch viel zu sehr behandelt. Er fühlte sich schlecht, redete sich aber ein, dass es gar nicht so schlimm sei. Das Bier half. Er trank, um die Selbstreflexion zu unterbinden, um aus sich raus zu kommen, um endlich mal ne Nummer zu sein, vielleicht einen Namen zu erlangen, der am Montag in der Schule in den Gesprächen über diese Party erwähnt wurde. Verdammt noch mal, das kann doch nicht so schwer sein. Noch ein Bier. Noch eine Zigarette. Nur nicht auffallen und weiter geschmeidig zur Musik bewegen! Karl fühlte sich besser. Er war stark angetrunken. Zu Westernhagens »Mit 18« überwand sich Karl zur Luftgitarre in der Mitte des Raumes knieend. Der Rest hatte einen Kreis um ihn gebildet und lachte. Karl interpretierte dies fälschlicherweise positiv.
Der Traum, ein California Dreamboy zu sein, seine Bayern-Shorts und alkoholbedingte Inkontinenz führten dazu, dass er am Montag tatsächlich Thema Nummer eins in der Schule war; leider anders, als er es sich wünschte.
Ich zupfe meinen Kragen zurecht. Die Spitze war umgeknickt und kitzelte mich am Hals. Jetzt ist es besser.
Ich finde die volle Konzentration. Noch einmal den perfekten Schwung und dann habe ichs geschafft. Ich mache ein paar Luftschläge. Es ist windstill. Einfach Luftlinie zum Loch. Kein Wind, nichts behindert mich. Ich stelle mich direkt vor mein Tee.
Die Courtguards heben ihre Schilder »Quiet please«.
Nur mühsam senkt sich der Lärmpegel gen null. Ich höre jedes einzelne Husten der Zuschauer. Einige tuscheln, andere feuern mich an. Ich setze zum finalen Schlag an. Meine Hände zittern, dennoch sitzt der Schläger fest in meiner Hand. Ich treffe den Ball nahezu perfekt. Der Schläger schwingt behende in mein durchgebogenes Kreuz. Mit einem »Hurra!« bekommt der Ball einen seltsamen Auftrieb und scheint auf dem Jubel der tosenden Masse davonzuschweben.
Kurz bevor der Ball das Green erreicht, schießt ein U-Boot aus den Tiefen des Himmels und frißt die ganze Scheiße auf.
Als Karl 23 wurde, war er längst umgezogen. Er hatte den Ort seiner schmerzlichen und ereignislosen Teenagerzeit hinter sich gelassen. Er wohnte alleine und hatte sich ein neues soziales Umfeld geschaffen, in dem er sich wohl fühlte, und zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er eine tiefe innere Zufriedenheit, als er sein neues weißes Hemd von H&M auf dem Bett ausbreitete. Es war eins von diesen modischen im Knitterlook, mit einer braunen Blumenbemalung. Im Hintergrund wünschte sich Phil Collins, dass es anfinge zu regnen.
Eine »Tripper« Jeans lag auch auf dem Bett, sie war noch etwas steif von Bügeln, einige Dinge hatte er sich einfach nicht abgewöhnen können. Karl wusste nicht, dass seine Hose den Namen einer Geschlechtskrankheit trug, doch lachte er immer brav mit, wenn seine Clique den Spruch brachte: »Hast Du Tripper oder Schanker, bist Du lange noch kein Kranker!« Und seine Clique, die zusammen keinen IQ höher als Verona hatte, dachte dann, er verstünde. Dani, dessen Eltern aus Magdeburg stammten, brachte dann regelmäßig den Spruch: »Erst spielten wir am Teich ein Weilchen, dann spielten wir an weichen Teilchen!«, auch wenn der Zusammenhang völlig unklar war.
So waren sie, »jut druf« halt.
Karl ging ins Badezimmer und begann mit dem Samstagabend-Procedere. Er nahm eine neue Klinge, die aus der Werbung, weil heute ein besonderer Abend war, und rasierte sich. Auch die moderne 3D-Klinge konnte ihn nicht vor Rasurbrand am Hals befahren, wie er fluchend feststellte. Er föhnte die Klinge trocken, damit sie nicht rostete, und ging duschen.
Um halb zehn war er fertig mit allem und verließ in seinem brandneuem Hemd und umgeben von einer brutalen Davidoff-Wolke die Wohnung, um in den tiefergelegten Corsa zu steigen, der mit laufendem Motor auf ihn wartete. Eine knappe Begrüßung, dann wurde die Anlage aufgedreht und für den Rest der Fahrt wurde kein einziges Wort mehr gesprochen.
In der Großraumdisco suchten sie sich erst einmal ihren »Stammplatz« und tranken Red Bull. Karl brach das vermeintlich männliche Schweigen und meinte: »Nicht viel los.« Keine Reaktion. Dani und Martin beobachteten die vorbeilaufenden Mädchen, Ablenkung war da nicht willkommen. Sie wurden jetzt von niederen Instinkten gesteuert, die Augen zuckten über die runden und üppigen Formen.
Vier Stunden später standen Dani und Martin noch immer an ihrem Tisch, doch berieten sie jetzt in angeheiterter Laune über die besten »Ischen«.
»Boh ey, hat die Holz ey! Da liegste wie’n Hase in der Furche, wa?«
»Ne, hier, ditt is son, ach küm, wie heißen die, sonnen Wunderbar, oder wie ditte heißt!«
Karl hatte sich auf die Tanzfläche gewagt, nachdem er sich einige hochprozentige Hemmschwellensenker hinter die Binde gekippt hatte. Seine Beine bewegten sich bereits von allein in angemessener Form, er hatte sich schon öfter beim Tanzen im Spiegel beobachtet und wusste, dass seine Arme dabei mehr oder weniger nutzlos am Rumpf baumelten. Doch immer wenn er eine Gesten von seinem Körper weg machte, hatte er ein ungutes Gefühl, weil er überzeugt war es sähe schwul aus. Er schaute sich die Gruppe Türken an, die mit den dunklen hübschen Mädchen tanzten. Alle jungen Türken hatten starken Bartwuchs und sich die Bärte zu dünnen Strichen rasiert, die vom Kinn zu den Kotletten liefen. Sie hatten auch alle dicke Oberarme, waren durchtrainiert, und Karl dachte, auch mal in die Mucki-Bude gehen zu müssen. Seine gute Laune verflog.
Es begann ein neues Lied und er beobachtete die Arm-Bewegungen der jungen Türken. Er fing an, sie zu imitieren. Erst ballte er seine Hände zu Fäusten, und begann dann zum Takt eine innen-außen Bewegung zu machen. Dabei streckte er seine Arme nicht ganz aus, sondern behielt sie dichter am Körper. Nach einer Eingewöhnungsphase ging es ihm in Fleisch und Blut über und beim folgenden Lied begann er sogar zu improvisieren. Karl gewann an Zuversicht und begann mit echter Hingabe zu tanzen. Er lachte innerlich. Und dann passierte das Unglaubliche: Sandy, das Mädchen, über das Dani und Martin gerade noch geredet hatten, näherte sich langsam in tanzenden Bewegungen einem neuen Karl, dessen weißes Hemd plötzlich einen ganz anderen Wert bekam. Man hätte denken können, es handele sich um einen echten Tänzer, der das Hemd quasi als Ironie der Zeitgeschichte trägt. In seiner Begeisterung bemerkte Karl sein Glück gar nicht, und Sandy drehte nun ihren Hintern direkt in Karls Schritt, der nun völlig erschrocken auf die durchsichtigen Träger des BHs schaute! Karls Drüsen schütteten sofort Adrenalin aus und er schaute hilfesuchend rüber zu seinen Freunden, die völlig entrückt die unfassbare Szene beobachteten! Karls Gedanken rasten. Er wusste von zahllosen Beobachtungen, wie das weitere Vorgehen auszusehen hatte, aber würde er es schaffen, die Tanzbewegungen im Takt und mit Stil rüberzubringen?
Heute war Kurts großer Tag. Kuddel, so nannten ihn liebevoll seine Freunde, hatte ein Vorstellungsgespräch bei »Wurst-Werner«, DEM Fachschnellimbiss schlechthin. Schon als Kind hat er davon geträumt, hungrigen Gästen Würste und Pommes zu servieren. Er liebte den Geruch von brodelndem Fett, vom Curry-Ketchup, der in einer weißen Schüssel auf der Theke stand und sich am Rand verhärtet absetzte. Dieses Brutzeln und Dampfen… mmmh…
»Ich muss diesen Job haben!«
Er hatte schon oft vor dem Spiegel gestanden und an seiner Freundlichkeit gefeilt: »Eine Pommes? Willste wat drauf haben?«, »Eine Currywurst? Mit Brot oder ohne?«
Aber auch den forschen Ton hatte er sich beigebracht: »Ey, eine Serviette reicht doch wohl, oder? Leg’ die annern da wieder hin, Junge!« oder »Stell’ die Senfdose da wieder hin! Ey, stand die da hinten? Zack zack! Da hin wo ’se vorher stand!«
Kuddel gab sich Mühe. Er hatte sich von Kalle ein »schönes« Hemd geliehen, das dessen Frau noch eben frisch gewaschen hatte. Es zeigte ein Blumenmuster in tristen Pastelltönen. »Besser etwas zurückhaltend«, dachte Kuddel. Dazu seine gute Jeans, die er sich vor fünf Jahren von seinem ersten Arbeitslosengeld geleistet hatte, als er noch bei seiner Mutter wohnte. Einen Gürtel fand er am Haken der Innentür seines bescheidenen Badezimmers.
Hape hatte ihn vergessen als er vor einigen Wochen hier gepennt hatte. Kuddel lächelte. Als er so vor dem Spiegel stand, fühlte er sich gut – bis auf seine Zähne. In bedenklichen Farben glänzte seine Vorderfront, und er ärgerte sich heute, dass er nicht öfter zur Zahnbürste gegriffen hatte. Mittlerweile bemühte er sich, nicht allzu oft zu lachen und mit geschlossenen Mund zu lächeln. Schlechte Zähne, so hatte er gemerkt, sind nicht gerade förderlich bei Vorstellungsgesprächen. Er hatte weder Zeit noch Lust, sich zu duschen und so kämmte er seine fettigen, langen Haare nur zu einem für ihn untypischen Scheitel. Das kürzlich im Tengelmann erstandene Parfüm Macho vollendete seine Erscheinung, gab ihr den letzten Schliff.
Kuddel war nervös. Der Geschäftsführer und gleichzeitige Vorstandsvorsitzende Werner Schmitt war in der Szene als eiskalt bekannt. Er hatte es vom Pizza-Kurier zu zwei voll funktionstüchtigen Pommes-Wagen gebracht (einem in Wandsbek und einem in Bergedorf) und genoss dementsprechend hohes Ansehen. Kuddel sollte um punkt 14 Uhr in Schmitts Büro erscheinen, einem dieser Siko-Wohncontainer, die komplett aus einem Stück Thermoplast gebogen wurden.
Das war in drei Stunden. Kuddel hatte also noch Zeit. Er fasste den Entschluss, sich noch mal hinzulegen, nur kurz…
Es klang nach Frittenfett und heruntergefallem Marmeladenbrot, als Manfred Schlabowsky den Beckenrand entlang schritt. Die Badelatschen klatterten bei jedem Schritt. Seine muskulösen Beine zeugten vom Laufsport. Er versuchte, sie durch enge Badehosen zusätzlich zu betonen. Die Enden der weißen Schnur der Badehose hingen schlaff herunter wie alles in dieser Region. Er erlaubte sich diesen scheinbaren Fauxpas, weil der dachte, es sähe lässig aus.
Er hatte diese Kinder-Schwimmgruppe ehrenamtlich übernommen und fand sich riesig. Laut gab er Anweisungen, mal hier, mal da, Birgit sollte auf die Beinarbeit achten, »Markus, langer Rücken! Mann, wie ich Dir dat jesacht haaab!«. Er zupfte unzufrieden an seinem Schnäuzer und ging weiter.
Da kam der Praktikant. Den fand er scheiße. Sowieso, diese ganze Nutella-Generation fand er schrecklich. Alle total verweichlicht! Manfred ließ ihn nur die Zeiten stoppen und aufschreiben. Das konnten sogar Schluffis. Als es ihm trotzdem zu langsam ging, machte er ihn lauthals zur Sau. Dann schritt er weiter am Becken entlang, die Arme hinter dem Rücken, die Stoppuhr in der Hand. Eine Frau lächelte ihn aus dem Becken an. Klar, er war unwiderstehlich. Erst recht in seiner unglaublich sportlichen VanVaan-Badehose. Sofort gab er wieder laute Anweisungen mit Fußballer-Gestik.
Eigentlich hatte er nicht viel Ahnung vom Schwimmen. Er dachte sich viele Kommentare nur aus. Sollten diese kleinen Scheißer sich das Schwimmen doch selbst beibringen! Was hatte er mit der Scheiße zu tun?! Er machte das schließlich nur ehrenamtlich!
Nachdem die Kinder-Schwimmstunde beendet war, gab Manfred sich selbst die Ehre. Er navigierte sich hinter die Alte, die ihn vorhin angelächelt hatte. Seine Schwimmbrille war beschlagen, so dass er ihr fast hinten rein geschwommen wäre. Sie schwamm einen so absurden Stil, dass er vor Verwunderung fast abgesoffen wäre. Die Beine bewegte sie nicht in einer horizontalen Ebene, sondern in der vertikalen. So verdreht, sahen die Beine aus wie ein S, das zur Wasserverdrängung dann wieder zusammen gepresst wurde. So etwas hatte er noch nie gesehen. Dass sie so überhaupt vorwärts kam, war ein Wunder! Manfred lud sie zum Abendessen ein. Er machte es ganz charmant.
»Ey, Keule! Ja, Du! Schiel ik, oder wie? Hör mal, dat du hier lebend durch das Becken kommst, Du…jenial, ach ja, hättest Du Lust heute abend auf ein paar Fritten? Ja? Dann lad mir doch ein, ik hab niks vor, wa!«
So war er, frech aber charmant, direkt und doch unwahrscheinlich höflich, weltmännisch und doch auch so natürlich-herzlich.
Sie nahm an.
Manfred hatte genug geschwommen. Eine Bahn musste genügen. Er wollte sich mit Schwung aus dem Becken hieven—und rutschte ab. Zum Glück hatte sie nichts gesehen. Möglichst majestätisch stolzierte er zu den Kabinen.
Langsam ließen die Schmerzen nach. Die Dusche tat gut. Er entspannte sich, sehr, und schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er merkte, dass er angefangen hatte zu pinkeln. Hoppla, ich bin ja nicht zu Hause, dachte er. Wieder hatte niemand etwas bemerkt.
Zu Hause warf Manfred sich in Schale. Er wählte die schwarze Kunstlederweste, polierte die Brille und stutze seinen Schnäuzer. Seine schwarzen Schuhe waren dreckig, aber Zeit, sie zu putzen war nicht mehr. Immerhin hatte er frische Tennissocken an.
Sie war die 8km mit dem Fahrrad gekommen, aber jetzt saßen sie zusammen in seinem Calibra auf dem Tengelmann-Parkplatz und beobachteten die anderen Stammkunden, die sich allabendlich hier einfanden. Manfred erzählte mit vollem Mund Geschichten aus der Bundeswehrzeit und lachte selbst, während sie ihn kauend anschaute. Er griff zu seinem zweiten Döner, sie zu ihrem dritten. Der Abend fing gut an.
Frau Prante stand in den Startlöchern. Sie war vorbereitet. Sie hatte heute die Tonnenhose an, in der sie gut laufen konnte, aus rotem Jeans-Stoff aber oben zu weit. Ein dünner Gürtel hielt die Hose an der Hüfte. Ein dünner Pulli steckte in der Hose. Es war ein weißer Pulli, den sie auch vor einigen Monaten gewaschen hatte, doch hatte er einige Brandlöcher von Kippen, die ihr immer wieder beim Einschlafen aus der Hand fielen. Frau Prante lief immer etwas zu schnell und vornübergebeugt, mit weitem Schritt, und sie guckte immer dabei auf dem Boden. Ja, natürlich sieht das scheiße aus.
So kam es, daß ihre Nachbarn in der Warteschlange aufmerksam wurden. Ein junger Mann hatte sie schon eine ganze Weile argwöhnisch beobachtet, als er zu seiner Feundin raunte: »Mandy, kiek Dir mal den Vogel an, wa, dat jehört doch verboten, wa?«
Dann war es soweit. Die Türen öffneten sich und die Schlange setzte sich in Bewegung, erst schwerfällig dann immer zügiger.
Frau Prante drängelte. Es war ihr völlig egal was andere dachten oder über sie redeten. Heute würde sie einen ganzen Batzen abgekommen von den herrlichen Angeboten, vielleicht bekam sie sogar noch einige Tüten Tabak von Rancho. Sie spürte, dass heute ihr Tag war, und den würde ihr keiner versauen! Frech hatte sie sich schon an einigen Konkurrenten vorbeigedrängelt. Sie ging auf die Proteste erst gar nicht ein. Frau Prante war voller Zuversicht und Freude. Der Tag gehörte ihr!
Mandy beobachtete wie Frau Prante sich mit ihrer frechen Berliner Schnauze vordrängelte. Sie mochte keine Leute, die anders waren. Allein der Spruch von ihrem Freund hatte schon wieder Wut in ihr hervorgebracht. Dann stand diese schreckliche Frau rechts hinter ihr. Noch einen Schritt. Sie hörte schon das Krächzen: »Ik will hier durch, wa, dat is wichtig wa, da steht meine Tochter, janz vorne, wa!«
Mandy zögerte keine Sekunde. Sie drehte sich nicht einmal um. Ihre Faust schnellte einmal kurz nach hinten wie zum kommunistischen Gruß.
Frau Prante wachte zwischen Fahrradständer und Blumenkasten vor dem Tengelmann auf. Benommen rappelte sie sich hoch, torkelte, versuchte, sich an einem Buchsbaum festzuhalten und riess ihn ungewollt aus. Sie fand wieder Halt und wankte dann langsam nach Hause. Als die Polizei sie anhielt, wusste sie nicht sofort, was los war.
Filialleiter Knobloch stand in seinem Büro und seufzte. Er würde diesen Berg Arbeit nie schaffen. »Erstmal einen Kaffee.« Er schaute im Vorbeigehen aus dem Fenster… und stockte. Jemand klaute gerade seinen Buchsbaum! Er griff zum Hörer.
